USA: West-Südwest

Der ausgewechselte Sohn

USA: West-Südwest

San Diego

Das Drogenproblem gepaart mit Obdachlosigkeit und Krankheit ist mir noch nie so aufgefallen wie in San Diego. So viele Männer, die ihre wenigen Besitztümer in Einkaufswagen durch die Straßen schieben, so viele Frauen, die brabbelnd an Ecken stehen. San Diego County meldete 2022 laut den letzten verfügbaren Zahlen 1300 Drogentote. Ganz Deutschland verzeichnete im gleichen Zeitraum 1800... Schon des Öfteren habe ich über die Fentanyl-Krise in den USA gelesen, hier sehe ich die Folgen das erste Mal vor mir. Mit halb heruntergelassenen Hosen, im Gehen kotend, zitternd den ganzen Körper unter einem dreckigen Lacken verbergend oder ohne Schuhe völlig apathisch eine Gasse entlangschlürfend. Ich registriere während meiner vier Tage in der Stadt hunderte völlig verwahrloste Menschen, die in den Zentren der innerstädtischen Viertel dahinvegetieren.

Surfmobil oder letzte Stufe vor obdachlos?

Bevor sie ganz auf der Straße leben, ziehen viele aus ihrer Wohnung in klapprige Wohnmobile. An Autobahnauffahrten, in Industriegebieten und auf den riesigen Home Depot Parkplätzen sehe ich immer wieder Busse mit kaputten Fenstern, ohne Motorhaube und von Rost zerfressen. Die dunkle Seite der amerikanischen Großstadt. Ein starker Kontrast zu Glas und Betontürmen in Downtown, zu riesigen SUVs, zu dem offensichtlichen Reichtum vieler Bürger. Gegensätze wie in einem Entwicklungsland.

Den Rausch im Dunkel zelebrierend

Ocean Beach ist der freakige Ausleger der Stadt. Keine Wolkenkratzer, kleine, oft wie Feriendomizile wirkende Holzhäuser, viele nette Cafés auf Newport Avenue und das Meer mit seinen die Surfer Community begeisternden Wellen sind Gründe genug, dieses Viertel vielen alternativen Lebensentwürfen offen stehen zu lassen. An der Uferpromenade gibt es am Abend Trommelsessions und einmal in der Woche wird die Straße für den Farmer Market gesperrt. Hier fühle ich mich direkt wohl, auch weil das Elend von Downtown nur sporadisch reinschwappt. Ein erster Erkundungsgang endet in einem mexikanischen Restaurant und ich bestelle zu einem der in der Stadt gebrauten Craft Biere einen saftigen Burger. Der Chef selbst steht hinter der Theke und bedient mit bester Laune seine handfeste Kundschaft mit größeren Mengen Alkohol. Das Publikum ist lautstark und trinkfreudig, gesetzten Alters und offensichtlich mehr Geld in der Kneipe als im Bekleidungsgeschäft ausgebend. Neben mich setzt sich eine recht herbe, etwa fünfzigjährige Frau, bestellt einen Shot und ein Sandwich, von dem sie sich am Schluss die Hälfte noch einpacken lässt. Ich schaue mir ein NBA-Spiel auf dem Fernseher über der Theke an und freue mich nach der Reisetortur nun in Ruhe landen zu können. Nach dem zweiten Bier bekomme ich schon Schlagseite, zahle die Rechnung und schleppe meinen Jetlag ins Samesun Hostel. Erstaunlich kühl ist es und ich bereue schon meine Vergesslichkeit, die dazu geführt hat, dass ich direkt zwei Jacken im Flieger habe liegen lassen. So bibbere ich mich durch die feuchte Nachtluft und bin froh nur um zwei Ecken biegen zu müssen, bevor ich mich in meinem Stockbett gemütlich einmuckeln darf.

Die Häuser in Ocean Beach haben oft Ferienhauscharakter

Nach einem kargen Frühstück mit Crackern und schwarzem Kaffee wandere ich einen Block die Straße hinauf, setze mich in den 35er nach Old Town und wechsele auf die Green Line in Richtung Balboa Park. Das weitläufige Grün ist einer der größten innerstädtischen Parks in Amerika und leider um diese Jahreszeit fast menschenleer. Ich verlaufe mich ein wenig, finde aber nach ein paar Frageeinheiten den großen Museumskomplex. Es ist Dienstag und die meisten der über zwanzig Museen sind geschlossen. Das Timken Museum of Art hat aber geöffnet und so schaue ich mir die vier Flügel mit der kleinen Sammlung europäischer und amerikanischer Meister an. Ich bleibe an „Torment of St. Anthony“ des Italieners Giovanni Girolamo Savaldo von 1515 hängen. Die Ähnlichkeit einzelner Figuren zu einem meiner Lieblingsbilder, dem „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch, ist frappierend. Bosch malte es etwa zwanzig Jahre vor Salvados Bild und offensichtlich hat dieser bei dem holländischen Großmeister abgekupfert. Auch wenn mir eine Angestellte des Museums versichert, Salvado könne Boschs Meisterwerk nicht gekannt haben, sind die offensichtlichen Überschneidungen in der Darstellung einfach zu groß. Das im Prado in Madrid hängende Triptychon begeisterte mich schon als Ausschnitt auf der dritten Studioplatte von Deep Purple und Jahre später dann im Original bei einem Besuch des Museums in Spaniens Hauptstadt. Die Darstellung von Himmel, Hölle auf den Seitenflügeln und eben dem Garten der Lüste im Mittelteil hat Bosch mir für immer als Liebling halluzinogener Drogen eingeprägt. Das Werk sticht dermaßen aus der Menge aller Arbeiten aus dieser Zeit heraus wie nur wenige andere in der Kunstgeschichte. Die zweite Aufsehen erregende Arbeit ist die Leihgabe eines großformatigen Gemäldes des amerikanischen zeitgenössischen Malers Kehinde Wiley. Seine knallbunten Arbeiten orientieren sich oft an den alten europäischen Meistern, zeigen aber als Protagonisten Schwarze Menschen. Hier sitzt ein auf der Straße gecastetes Model als zeitgenössische Interpretation des titelgebenden „Prince Tommaso Francesco of Savoy-Carignan“ auf einem Schimmel.

Obdachloser macht Faxen für Kind

Anthony van Dyck's barockes Portrait von 1634 stand für die Malerei Wileys Pate. Tapetenartige florale Muster werden von Wileys Assistenten aufgetragen, er selber malt dann den Vordergrund der Bilder. Gerahmt in einem reichverzierten Goldrahmen wirkt es wie eine leicht kitschige Variation des Vorbilds. Wileys Kunst ist politisch. Durch die Herstellung einer Verbindung zwischen einem Weißen Mann europäischen Adels des siebzehnten Jahrhunderts und einem Schwarzen Bürger der Gegenwart wird dieser gesellschaftlich erhöht und soll so eine dringend herzustellende, aber noch utopische Gleichberechtigung einfordern. Ob die versuchte Erhöhung als gelungen angesehen werden kann, ist aus meiner Sicht zweifelhaft. Markttauglichkeit hat sie auf jeden Fall...

Kalifornien ist Kifferland

Am nächsten Tag fahre ich mit der Straßenbahn den langen Weg nach La Jolla im Norden von San Diego. Es ist ein reicher Stadtteil mit schönen Villen und gepflegten Straßenzügen. Ich bin aber nicht wegen der Gediegenheit hierhergekommen, sondern eher wegen dem Gegenteil: Auf den Felsen am Meer leben Dutzende stark riechende Seehunde und kalifornische Seelöwen. Daneben haben sich hunderte Pelikane und andere Seevögel angesiedelt und die Felsen weißgekotet. Seelöwen sind soziale Tiere und liegen gerne in ihren Ruhepausen dicht gedrängt zusammen. Vielleicht hat es aber auch mit ihrem Wärmehaushalt zu tun. Seehunde dagegen wahren eher einen Abstand zu ihren Artgenossen. Gut unterscheiden lassen sich die beiden Gruppierungen an der Größe, Seehunde sind wesentlich leichter, und an den bei Seelöwen außen sichtbaren Ohrmuscheln. Ich schaue mir die meist träge dahinfaulenzenden Tier und ihre fliegenden Nachbarn mehrere Stunden an. Hin und wieder robbt ein Baby an die Zitze der Mutter und saugt sich eine Mahlzeit ab. Ein paar Bullen rüpeln sich gegenseitig an und beißen schon mal leicht den Kontrahenten. Insgesamt sieht die Lage aber sehr friedlich aus. Bei frühlingshaften zwanzig Grad genieße ich jede Minute und so fahre ich erst, als die Schatten den Sonnenschein verdrängen und die Luft schnell abkühlt.

Kalifornische Seelöwen sind immer einer Dusche aufgeschlossen

Im Hostel lerne ich Bob aus Sacramento kennen. Beim Frühstückskaffee reden wir über alles mögliche, vor allem aber über Musik und Konzerte. Bob ist über siebzig und sieht aus wie ein Obdachloser, was er irgendwie auch ist. Allerdings einer mit einer kleinen Rente. Er zieht durchs Land, schläft oft draußen, geht fischen und liebt die Natur. Hin und wieder zieht er für ein paar Tage in ein preiswertes Hostel. Es macht Spaß mit ihm zu reden, er ist witzig und intelligent, seine Geschichten kommen auf den Punkt. Die krausen Haare stehen zu einem erstklassigen Afro auf allen Seiten ab und er trägt dazu einen Jeans-Blaumann über seinem massiven Körper. Sein letzter Wohnsitz war in den Bergen von Sacramento, früher lebte er aber lange in San Francisco. Ich liebe seine Stories über Grateful Dead Konzerte, die eine ganze Nacht liefen, weil die Zuhörer und die Band auf Acid waren und deswegen so lange gespielt wurde, bis alle langsam wieder runterkamen. Meistens schalte ich ab, wenn jemand so viel über frühere Zeiten erzählt. Bob lebt aber auch im hier und jetzt, kann gut zuhören und sein Wissen über Rock und Funk ist wirklich beeindruckend.

Hauswand in Ocean Beach

Eigentlich soll heute Eddy ankommen. Stattdessen bekomme ich die Nachricht, dass er seinen Reisepass auf dem Flug nach England im Flieger liegengelassen hat und als er es merkt, nicht mehr zurückkann. Er muss nach längerem hin und her leider die Rückreise nach Deutschland antreten, ohne gültiges Dokument ist ein Weiterflug in die USA leider ausgeschlossen. So fällt unser geplanter Roadtrip die Baja California südlich bis La Paz zu fahren leider aus. Ich bin sehr traurig, nicht nur weil ich mich so auf unseren Vater-Sohn Trip gefreut habe, sondern auch, weil ich weiß, dass Eddy nun geknickt ist. Ich sage alle Hotels und unseren Mietwagen ab, verliere einige Dollars und nach einem Telefonat mit Anke tritt Plan B in Kraft. Tomm fühlt sich seit längerem nicht mehr so wohl in Kanada, wo er für ein halbes Jahr auf Salt Spring Island an einem Schüleraustausch teilnimmt. So kontaktiere ich ihn und seine Vertrauenslehrerin, buche einen Flug nach Seattle und überlege, dass ich statt Shorts nun eine warme Jacke brauche.

Kleiderauswahl am Müllcontainer

Meinen letzten Tag nutze ich, um den Gaslight District und East Village anzuschauen. Mir ist die ganze Innenstadt zu steril, wenige interessante Läden, tagsüber kaum Menschen unterwegs. Zum Glück finde ich noch ein Geschäft mit einer guten Auswahl an gebrauchten Klamotten. Ich erstehe eine kanariengelbe Daunenjacke und eine neonorange Mütze für zusammen 38$. Jetzt bin ich für den kühleren Norden gerüstet. Wieder im Hostel bestelle ich noch ein Taxi für fünf Uhr in der Früh. Um sieben soll mein Flugzeug abheben.

Unterhaltung im Gaslight District

Das einzig pünktliche am heutigen Tag ist die Fahrt zum Airport. Nach siebenstündiger Wartezeit hebt erst gegen zwei Uhr der Flieger nach Seattle ab. Dort weitere zwei Stunden warten, bevor mich der Flix Bus nach Vancouver bringt. Nach achtzehn Stunden bin ich froh in meinem Hotelzimmer die Tür hinter mir schließen zu können und falle müde, aber zufrieden, dass ich immerhin angekommen bin, in das weiche Bett.

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Vancouver

Heute werde ich Tomm nach vier Monaten das erste Mal wiedersehen. Meine Vorfreude ist so groß, dass mir Tränen in die Augen steigen. Die Tram fährt mich in einer knappen Stunde zum Fährenterminal. Eine Stunde Wartezeit vergeht langsam und dann sehe ich ihn mit den anderen Passagieren durch das Ausgangstor gehen. Der Moment, in dem wir uns in die Arme nehmen ist wunderschön. Die Bahnfahrt zurück nach Downtown und die anschließenden Stunden, in denen wir einen langen Spaziergang durch die Stadt unternehmen, vergehen wie im Fluge. So viele kleine Geschichten, Berührungen und Liebesbestätigungen, einfach ein so schöner Tag, auch weil all meine Sorge um Tomms Wohlergehen abfällt und nur die Sonne noch im Herzen lacht. Am Abend fahren wir mit der Fähre nach North Vancouver und spazieren entlang der parallel zum Berg liegenden Gassen, bevor wir den Abend in einer Pizzeria ausklingen lassen. Auf dem Rückweg halten wir noch an einem Second Hand Store für Kleidung. Der Laden ist schön aufgebaut, mit Sitzecke inklusive Comics und gut sortiertem Angebot. Wir probieren ein paar Stücke und Tomm findet eine schöne rote Lederjacke. Seit er Fight Club gesehen hat geistert eine solche in ihm rum. Der Preis ist recht hoch und er entscheidet, noch einen Tag darüber zu schlafen. Einer der Verkäufer erinnert uns beide an Marian, Achims in Portugal lebenden Sohn. Ich spreche ihn an und erzähle davon. Wir haben Spaß zusammen und ich fotografiere ihn, um Marian und Achim sein Bild zu zeigen.

Ähnlichkeiten

Der Aquabus bringt uns über die English Bay von Downtown nach False Creek. Wir spazieren durch die Straßen von Fairview und Cambie und unterhalten uns über die vielen in der Entstehung begriffenen Hochhäuser. Es ist offensichtlich, dass hier Platz geschaffen wird für eine größere Menge frisch eintreffender solventer Mieter und Käufer. Kleine Häuser und alte Gewerbegebiete müssen weichen, so dass sich die Struktur der Stadt weiter ändert. Downtown streckt seine Fühler übers Wasser aus. Wir gehen über die dem Viertel South Main seinen Namen verleihende Main Street. Es gibt eine Menge Cafés, einige Buch- und Second Hand Läden, zwischendrin aber auch Gewerbeeinheiten für den täglichen Einkauf. Das Publikum besteht aus Hipstern und Alteingesessenen. Rechts und links der quirligen Hauptstraße gibt es teilweise schöne Einfamilienhäuser mit Holzverkleidung. Bei meiner kompakten fünf Minuten Immobilienanalyse habe ich kein Haus unter zweieinhalb Millionen kanadischen Dollar gefunden. Wer hier nicht geerbt hat muss sehr gut verdienen! Als wir müde werden, nehmen wir einen Bus zurück Richtung Downtown und landen in Chinatown. Sieben Hektar groß ist die Enklave. Ab cirka1860 kommen Chinesen nach Vancouver. Vor allem, um beim Bau der transkontinentalen Eisenbahn zu arbeiten. Mit der stetig wachsenden Zahl verdichtet sich auch die Ablehnung ihnen gegenüber durch die Nachfahren europäischer Aussiedler. Diskriminierende Gesetze machten ihnen das Leben in der Stadt immer schwerer. Sie durften nicht wählen, der Zugang zu Alters- und Pflegeheimen war ihnen verweigert und eine Menge weiterer Demütigungen wurden zugemutet. Eine Kopfsteuer sollte die Einwanderung zusätzlich erschweren. Ab 1923 durften zeitweise überhaupt keine Chinesen mehr ins Land. Erst ab den 1960er Jahren wuchs die vorher stark gesunkene Einwohnerzahl der Chinesen wieder.

Ein Drache in Chinatown

Heute ist Chinatown auch ein Treffpunkt der schwer Drogenabhängigen. Sie leben ein teilweise erbärmliches Dasein auf den Straßen. Was für ein Kontrast zum durchgentrifizierten Latte Macchiato Stadtteil South Main! Für Tomm ist der Anblick der geschundenen Kreaturen kaum zu ertragen und auch mir geht es ans Herz zu sehen, wie viele Menschen sich durch Fentanyl in kurzer Zeit zu Wracks verwandeln. Das um ein Vielfaches stärker als Heroin wirkende Opioid schafft es Menschen zu kriechenden, schreienden und verkrüppelten Wesen zu degradieren. Wir nehmen einen Bus und katapultieren uns aus dem Panoptikum der bemitleidenswerten Wesen zurück in die saubere Blase Westend. Trotz dem Tapetenwechsel gehen mir die Menschen immer wieder durch den Kopf. Wie viele traurige Schicksale haben wir heute gesehen und was hat zu ihrem jetzigen Zustand geführt? Was für Kindheiten haben sie gehabt, welche Enttäuschungen erlebt? In ihrem jetzigen Zustand ist es kaum vorstellbar, dass auch sie einmal Hoffnungen hatten, Ziele angepeilt haben oder vielleicht Familien gründen wollten.

Zäune schützen innen und außen

Wir besuchen noch einmal den Second Hand Laden des Vortages und handeln die rote Lederjacke noch einige Euro runter, bevor Tomm zuschlägt. Jason vom Vortag ist weder da. Er hat sehr zur Belustigung seiner Familie von seinem Doppelgänger in Europa erzählt und freut sich selbst noch daran als Klon an der Algarve zu existieren. Wir tauschen Adressen aus und ich hoffe, ihn einmal zu Hause begrüßen zu dürfen. Die Jacke steht Tomm wirklich gut und sitzt wie angegossen. Stolz verlässt er mit seiner Beute das Geschäft. So wird die durch Chinatown und seine Süchtigen hervorgerufene kleine Stimmungsdelle wieder bestens aus dem Teenagerherz rausgeklopft...

Tomm genießt eine Ruhepause

Am nächsten Morgen spazieren wir noch zwei Stunden entlang der Davie Street und der umgebenden Nachbarschaften. Hier ist Vancouvers Zentrum der LGBTGIA+ Szene. Ich fotografiere Tomm auf dem berühmten Regenbogenstreifen im Zentrum des Viertels. Wir schauen uns noch einige schöne Wohnstraßen mit den Häusern aus der Gründerzeit an. Als ich ein besonders schönes fotografiere, spricht uns eine ältere Dame an und erzählt uns, dass hier ein Treffpunkt für alte Menschen eingerichtet ist. Sie nimmt uns mit in das traumhafte Haus. Auch innen ist es sehr gemütlich. Ein Kaminfeuer lodert und auf einer Tafel werden die Aktivitäten des Tages angekündigt. Wir schauen uns ein wenig um und ziehen dann weiter. Wie so oft in nordamerikanischen Städten ist der Kontrast von alten einstöckigen und neuen vielstöckigen Gebäuden in kürzester Distanz beeindruckend. Manchmal sind es nur wenige Meter, die ein kleines Haus von einem Wolkenkratzer trennen. Wir hoffen, dass es auch in zwanzig Jahren noch die heimeligen Wohnstraßen zwischen den Wohntürmen gibt. Genau diese Mischung macht den visuellen Reiz der Städte aus.

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San Francisco

San Francisco ruft und wir steigen in den Flieger. Unser Hotel liegt in Nob Hill, zusammen mit dem daneben liegenden Russian Hill eines der schönsten Viertel der Stadt – zumindest, wenn man wie wir Häuser aus der letzten Jahrhundertwende mag. Es ist schon dunkel, als wir einchecken, uns kurz frischmachen und dann das Hotel auf der Suche nach einem Restaurant mit vegetarischen Optionen wieder verlassen. Wir schlendern durch die Straßen und ich bin ganz begeistert von den Details der schönen Bauten. Am Union Square herrscht Weihnachtsstimmung. Eine Eisfläche ist aufgebaut, der Baum leuchtet aus hunderten Lichtern und die Leute genießen die festliche Atmosphäre. Heute ist Heiligabend, auch wenn wir uns eher wie an Sylvester fühlen. Wir entscheiden uns für ein Ramen Restaurant. Es ist gut gefüllt, aber wir ergattern den letzten freien Tisch und freuen uns über unsere leckeren Suppen. Von innen gut aufgewärmt laufen wir müde und zufrieden zu unserem Hotel zurück.

Fashion Battle

Weil Tomm noch sehr müde ist und ich noch immer viel zu früh aufwache, wandere ich von Nob Hill über Downtown nach Chinatown. In unserem Viertel fallen mir direkt die hundert oder mehr Junkies auf. In der Hayde Street von unserem Hotel abwärts und in den Seitenstraßen sieht es schrecklich aus. Überall Müll und Kothaufen auf dem Bürgersteig, überall Wracks auf der Suche nach der nächsten Dröhnung. Ich unterhalte mich kurz mit einem süchtigen Paar im Anfangsstadium und schieße ein Foto von den beiden. Dem Gesicht der Frau sehe ich ihr ganzes Elend schon an. Chinatown ist hier noch größer als in Vancouver. Am Eingang des Viertels ein schöner Bogen und über den Gassen rote Lampions. Die Häuser haben teilweise Pagodendächer und chinesische Säulen. Es macht Spaß durch das um diese Uhrzeit menschenleere Viertel zu spazieren. Alle Gitter vor den Geschäften sind noch heruntergelassen, aber ich kann mir vorstellen, dass abends hier eine Menge Menschen durchströmen werden. Zurück im Hotel wecke ich Tomm und wir gehen in dem hübschen Café neben unserem Hotel lecker frühstücken. Anschließend unternehmen wir einen langen Spaziergang durch Russian Hill. An der mir noch aus dem Vorspann der Krimiserie „Die Straßen von San Francisco“ bekannten Lombard Street stauen sich die Autos auf den Serpentinen. In der Zeit der vier Fernsehsender war die Szene immer ein Höhepunkt im Vorabendprogramm. Alle Touristen wollen offensichtlich einmal die sieben Haarnadelkurven herunterfahren. Wir wandern die seitlich liegenden Treppen hinauf und bestaunen den immer schöneren Blick bis zum Coil Aussichtsturm. Unser Weg führt uns danach zur Fisherman´s Wharf, eines der Haupttourismusziele in der Stadt. Nach hundert Metern drehen wir aber um. Zu touristisch und zu billig ist die Meile. Auch unser zweiter Versuch mit einer der „Must-see“ Optionen endet erfolglos. Unsere Fahrt mit der Cable Car scheitert nach dem Kauf der Tickets an der uns bis dahin verborgenen Schlange. Hier müssten wir eine Stunde anstehen, dafür ist uns unsere Zeit zu schade. So rufe ich über meine gestern noch schnell runtergeladene App einen der hier schon zugelassenen autonom fahrenden Mietwagen. Die Firma Whymo unterhält in San Francisco eine Flotte weißer Wagen, alle mit einigen Kameras ausgerüstet, um den Verkehr rundherum immer im Blick zu behalten. Auf dem Dach befindet sich die größte, eine kreisende 360° Kamera. Unser Wagen erscheint nach vier Minuten und ich entsperre ihn mit der App. Es ist ein sehr seltsames Gefühl, in das Gefährt zu steigen und den Startknopf zu drücken. Das Lenkrad dreht sich, wir scheren aus der Parkposition aus und ordnen uns in den Verkehr ein. Auf einem kleinen Display bekommen wir alle anderen Verkehrsteilnehmer angezeigt. Wir sind beide ein bisschen aufgeregt, so eine Fahrt war bis vor wenigen Jahren unvorstellbar, pure Science-Fiction! Als wir vor unserem Hotel aussteigen, sind wir in aufgekratzter Stimmung. Aber auch der Gedanke, wie viele Fahrer auf der Welt sich in den nächsten zwanzig Jahren einen neuen Beruf suchen müssen geht uns durch den Kopf. Wie immer verdrängt eine neue Technik ein altes Berufsbild. Kutscher, Taxifahrer, Uberfahrer, kein Fahrer mehr.

Hotel Heartland

Nach unserem Frühstück im Café nebenan – langsam werden wir Stammkunden, auch wenn aus Lutz auf der Bestellung Nuts wird – suchen wir einen Telekom Metro Shop auf, um uns eine amerikanische Karte zu kaufen. Trotz wiederholter Versuche der Verkäuferin nimmt keines unserer Handys die SIM-Karte an. So erstehe ich noch den preiswertesten Knochen dazu, damit wir auf unserem Roadtrip Google Maps zum Auffinden der Hotel- und Nationalparkadressen zur Seite stehen haben. Manchmal frage ich mich, wie ich auf meinen ersten Reisen nach dem Abitur überhaupt angekommen bin. Ohne vorgebuchte Übernachtungen, ohne Google Maps, ohne Handy, ohne jegliche Hilfe außer einer Landkarte... Alle zwei Monate eine Postkarte nach Hause, einmal in drei Monaten ein Anruf. Ansonsten den schweren Rucksack nach der Ankunft mit dem Bus durch die Straßen tragen und verschiedene Unterkünfte anschauen. Irgendwo im Nirgendwo auf einen Tipp hin vom Lastwagen gestiegen und kilometerweit in die Pampa gelaufen. All das ist heute wesentlich leichter geworden, sehr viel komfortabler und vor allem auch zeit- und nervenschonender. Deswegen hat sich wahrscheinlich auch die Zahl der Reisenden so unglaublich vergrößert. Weil das Abenteuer in Ländern wie Australien, Thailand oder Costa Rica sehr viel überschaubarer und planbarer geworden ist. Für meine Radreisen habe ich die Standardantwort auf die Frage, was so passiert ist: Nicht viel, und das ist auch gut so. Allerdings fehlen eben auch das Nachfragen bei Einheimischen, der Kitzel, wenn einmal kein Hotel verfügbar ist und die spontan sich ergebenden Einladungen manchmal. Vielleicht sollte ich mich demnächst doch einmal auf „Warm Showers“ oder einer verwandten Seite anmelden, auf der Menschen ihr Zuhause mit Reisenden teilen. Das ist zwar auch im Vorhinein geplant, gibt aber bestimmt tiefere Einblicke in die Lebensumstände als mein Buchen auf Booking.com.

Die Frühstückscrew unseres Vertrauens

Nachdem wir nun endlich auch außerhalb des Hotels oder Restaurant wieder im Netz surfen können, lassen wir uns ins Museum of Modern Art San Francisco leiten. Da wir zu früh ankommen, trinken wir noch ein Wasser im Café nebenan. Keine Viertelstunde später als die Türen öffnen, steht eine Schlange von hundertfünfzig Metern in Viererreihen entlang des Museums. Zum Glück ist das Personal routiniert und der Ablauf schnell und reibungslos. Das Museum zeigt auf sechs Etagen zeitgenössische Kunst. Im sechsten Stockwerk wird den deutschen Künstlern Anselm Kiefer, Sigmar Polke und Gerhard Richter großzügig Platz eingeräumt. Von den dreien sind hochklassige Werke aus verschiedenen Phasen ihrer Karrieren zu sehen. Sie stehen stellvertretend für den Weg der deutschen Kunst aus der Nachkriegszeit in die Gegenwart. Einige der Arbeiten, die ich hier erstmals im Original sehe, kenne ich schon lange aus der Kunstliteratur oder von Druckgraphiken. Das Museum beglückt auch ansonsten mit einer reichen Sammlung und zeigt überdies auch einige temporäre Ausstellungen von bekannten Künstlern wie Olafur Eliasson, Yayoi Kusama oder Kara Walker. Sicher kann es dem MOMA New York nicht den Rang ablaufen, ist aber ein würdiger Gegenpol an der Westküste.

Rollende Hügel in Nob Hill

Am Abend fahre ich mit der Yellow-N Linie zum Flughafen und hole unseren Mietwagen ab. Tomm wartet im Hotel schon auf mich und zusammen fahren wir über die Golden Gate Bridge zum Aussichtspunkt Battery Spencer. Fast allein stehen wir im Nieselregen und schauen uns die imposante, sich über 2,7km spannende rote Brücke in der Dunkelheit an. In der Ferne leuchtet dazu Downtown San Francisco. Ein Transportschiff schiebt sich langsam unter der Brücke hindurch, während sich auf ihr der Autokorso in beide Richtungen bewegt. Wieder zurück in der Stadt kaufen wir uns ein paar gut belegte Sandwichs und machen es uns damit im Hotel gemütlich.

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Nevada und Utah

Ein langer Fahrtag bringt uns bis Ridgecrest, auf dem halbem Wege nach Las Vegas. Es ist eine typische Kleinstadt im Nirgendwo. An den Ausfallstraßen gute zwei Dutzend Fast Food Läden aller erdenklichen Ketten. Breite mehrspurige Straßen führen in die vier Himmelsrichtungen. Ein paar riesige Albertsons-Supermärkte versorgen die Haushalte mit allem nötigen. Auf dem Weg zu einem Restaurant kommen wir am örtlichen Waffenladen vorbei. Acht weiße Harley-Fahrer, keiner unter fünfzig, stehen neben ihren Motorrädern, unterhalten sich und trinken ein Abendbier. Rockmusik läuft über eine mitgebrachte Box. Am Stadtrand gibt es einen Trailerpark. Der mit Abstand größte Arbeitgeber ist die Armee. Wahrscheinlich sind wir ausnahmsweise zwei der ganz wenigen Touristen vor Ort.

Death Valley Nationalpark

Die Landschaft wird immer unwirtlicher, nur noch wenige Pflanzenarten finden hier ihren Platz zum Überleben. Nach hundert Meilen erreichen wir eine Ranger Station, an der wir unsere Eintrittskarte kaufen. Für achtzig Dollar erhalten wir eine Jahreskarte, die für sämtliche Nationalparks gültig ist. Hierin sind auch noch alle in einem Auto sitzenden Personen einbegriffen. Ein unfassbar günstiger Preis für die vorbildlich unterhaltenen Parks. Wir fahren zum knapp 86 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Badwater Bassin, dem tiefsten Punkt Nordamerikas. Es ist eine über fünfhundert Quadratkilometer große Senke, die mit einer Salzkruste bedeckt ist. Weil der Parkplatz recht voll ist, fahren wir ein Stück weiter und beschließen nach einem kleinen Picknick von hier aus auf die weiße Ebene zu gehen. Kurz vor Erreichen der Salzschicht sinken wir allerdings in den Uferschlamm ein und schauen, dass wir wieder festes Land gewinnen. Wir lachen über unseren Plan, wieder einmal abseits der anderen unseren eigenen Weg finden zu wollen, reinigen notdürftig unsere braunen Schuhe und fahren zurück Richtung Parkplatz. Von hier können wir, zum Glück noch trockenen Fußes, einen kleinen Spaziergang über das Salz unternehmen. Wären nicht das umliegende Trockengebiet und der relativ warme Sonnenschein, wir würden uns auf einem verschneiten See wähnen. Im Dezember ist es ein angenehmer Ort. Kaum zu glauben, dass hier im Sommer mit 56,7°C die höchste jemals erreichte Temperatur gemessen wurde.

Ausflug auf das Bad Water Bassin

In der Nähe liegt der Golden Canyon, so genannt wegen seiner eigentlich eher ockergelblichen Wände. Wir wandern etwa zwei Kilometer hinein und klettern dann die Red Cathedral ein paar Minuten aufwärts. Von hier öffnet sich ein herrlicher Blick über die wellenartig vor uns liegenden Felsen und dann weiter bis zum jenseits des Badwater Basin liegenden Gebirges. Weil uns der Canyon gleichförmig erschien, wollten wir schon umkehren, sind aber froh, hier die Landschaft nun so schön überblicken zu können. Wieder einmal schauere ich vor Glück, nun mit Tomm unterwegs zu sein und gemeinsam einige der Naturwunder der USA kennenzulernen. Für Eltern ist es sehr schwer, zuzuhören, wenn es dem Kind nicht gut geht. Die Telefonate, besonders die der letzten Wochen waren oft eine Pein. Die Vorstellung, dass Tomm nun die Ferien ohne rechte Aufgabe und ohne Schule mit zu viel Zeit auf seinem Zimmer sitzend verbringen würde, kaum hinnehmbar. Umso schöner, ihn jetzt zufrieden und lachend neben mir zu wissen. Wir schließen unseren Parkbesuch mit einem Halt am Zabriskie Point ab. Der Blick wandert über die zerklüfteten Berge und die Niederung bis zu den mit dünner Schneeschicht in der Ferne liegenden Panamint Mountains. Von hier wird die bizarre Struktur der umliegenden braun und ockergelb gestreiften Berge noch einmal deutlicher. Eindringendes Wasser hat über Jahrmillionen die Landschaft durch Ausspülungen geformt. Der von uns durchwanderte Canyon ist nur einer von vielen kreuz und quer verlaufenden Gängen zwischen den Felswänden. Ein jetzt trocken liegender Fluss bringt bei Niederschlägen graues Sediment in das Gebiet. Unvorstellbar, dass er und einige andere im letzten Jahr zu einer Überflutung des Nationalparks geführt haben und viele der Wege und Straßen weggerissen wurden. Noch ein Jahr später sind die Reparaturen nur an den Hauptwegen abgeschlossen und große Gebiete des Death Valley weiterhin gesperrt.

Menschenleere Gebiete geleiten uns

Achtspurige Autobahnen führen uns über und unter anderen achtspurigen Autobahnen an Industrie- und Wohngebieten vorbei ins Zentrum von Las Vegas. Unser Hotel atmet den Geist eines Stundenhotels der Neunziger, Flachbauten um einen kleinen Pool postiert und außen herum mehr als genug Parkplätze. Gegenüber streiken die Angestellten des Virgin Hotels seit Monaten lautstark für höhere Gehälter. Zum Glück erhalten wir eine Suite nach hinten raus. Wir ruhen uns aus, duschen und rufen uns dann einen Lyft. Der Verkehr Richtung Strip ist so dicht, dass wir wohl zu Fuß schneller wären. So steigen verfrüht wir an einer Ampel aus und spazieren entlang der Unterhaltungsmeile an den unzähligen bunten Reklamen vorbei. Mengen von Menschen tun es uns gleich. An einer Ampel steht ein Jesusfreak mit großem Holzkreuz und Flüstertüte. Keiner interessiert sich für seine lautstarken Hasstiraden gegen Schwule, Liberale und Abtreibungsfreunde. Junge Frauen mit String-Tangas versuchen einen in irgendwas reinzuquatschen. Wir schauen die riesigen hallenartigen Räume voller einarmiger Banditen im Bellagio an. Eine Angestellte fragt Tomm nach seinem Ausweis, als wir am Black Jack Tisch stehenbleiben. Teilnahme am Glücksspiel ist in Nevada ab einundzwanzig Jahren erlaubt. Wir gehen noch ein wenig durch die Räumlichkeiten und verlassen dann an Luxusboutiquen vorbeischlendernd das Hotel. Die Fontänen im riesigen künstlichen See schießen, unterstützt von farbigen Lichtern und Sound aus den Boxen, in die Höhe. Wir gehen über die Straße und setzen uns etwas erhöht in ein Restaurant. Unter uns posiert Spiderman für Fotos. Die verschiedenen Musikstücke aus verschiedenen Richtungen kommend überlagern sich, so dass wir immer mehrere Songs gleichzeitig hören müssen. Wir amüsieren uns über das bunte Treiben, gleichzeitig ist es uns aber auch zu viel. Eigentlich wollten wir in eine der drei Cirque du Soleil Shows gehen. Kurzfristig gibt es aber nur noch überteuerte Tickets über Zwischenhändler zu kaufen. So schauen wir uns noch ein wenig die auf- und abwandernden Menschenmengen an, bevor wir uns entschließen, zurück ins Hotel zu gehen und unsere Ruhe zu genießen. Tomm und mich stößt der Rummel ab. Es ist einer dieser Orte, wo es für mich nur mit Alkohol in größeren Mengen möglich ist, vielleicht Unterhaltung genießen zu können, ähnlich dem Ballermann auf Mallorca oder dem großen Umzug des Kölner Karnevals. Es würde mir bestimmt Spaß machen, an einem der Spieltische einen Abend zu verbringen oder eines der zahlreichen Events in den großen Hotels zu sehen. Aber da das Spielen wegen Tomms Alter und der Zirkusbesuch wegen des Preises von vierhundert Dollar für zwei Tickets ausfällt, haben wir mit unserem mehrstündigen Rundgang Las Vegas Genüge getan.

Unsere längste Fahrt steht an, aber wir lassen es uns nicht nehmen trotzdem einen Abstecher zum Bryce Canyon zu unternehmen. Eigentlich ist es nur dem Namen nach ein Canyon, fehlt ihm doch ein sich tief eingrabender Fluss. Das bizarre Amphitheater, die Hauptattraktion des Parks, besticht durch hunderte oder wohl tausende von Hoodoos, aus weichem Gestein bestehenden Felsnadeln, die von einem härteren Stein getoppt werden, der sie vor weiterer Erosion schützt. Der Ausblick auf den Talkessel mit seinen die Hoodoos ergänzenden Pinien von einem der Punkte am Canyon Rand ist außerirdisch schön. Wie mögen die ersten Indigenen und auch die frühesten Siedler diesen Ort empfunden haben. War ihnen auch schon die Schönheit ein Begriff, oder sahen sie nur ein fast unüberwindliches Hindernis vor sich? Ich denke, dass Orte wie dieser religiöse Gefühle hervorgerufen und auch schon damals – oder vielleicht sogar damals noch viel mehr – Regungen jenseits der alltagsüblichen Gefühlswelt erzeugt haben. Unsere Fahrt nach Moab führt uns auch außerhalb der Nationalparks immer wieder durch großartige Natur. Nevada und Utah sind genau wie das in ein paar Tagen besuchte Arizona dünn besiedelt. Das Land ist in großen Teilen Steppe und Wüste, unfruchtbar und damit nur für wenige Menschen in der Vergangenheit Lebensgrundlage bietend. So konnten sich die herrlichen Naturschönheiten lang genug erhalten, bis Nationalparks die wichtigsten Gebiete schützen und teilweise auch renaturieren konnten. Wir fahren langsam durch die Dämmerung in die Dunkelheit. Ich bin sehr froh, als wir nach über acht Stunden reiner Fahrzeit unser Hotel erreichen. Wir finden ein überraschend leckeres Thai Restaurant und genießen anschließend noch den Hot Tub in unserer Unterkunft.

Herrliches Lichtspiel im Bryce Canyon

Als ich am Morgen in mein Auto steigen will, hat die Batterie den Geist aufgegeben. Offensichtlich habe ich am Vorabend das Ausschalten des Lichts vergessen. Es ist vier Grad unter null und ich stehe ziemlich verdutzt und frierend da. Vergeblich suche ich ein Schloss, um wenigstens schon einmal ins Innere zu kommen. Dort liegt unser Handy mit der amerikanischen Sim-Karte. An der Unterseite des Türgriffs finde ich eine kleine Öffnung, in die der Schlüssel ein paar Millimeter eingeführt werden kann. Öffnen lässt sich die Tür so aber nicht. Ich gehe wieder aufs Zimmer und suche mir ein Video heraus, das erklärt, wie ich ins Innere komme. Die gefundene Öffnung war schon richtig, aber ich muss etwas rabiater vorgehen. Ein Teil des Griffes wird entfernt und dahinter kommt ein Türschloss in Sicht. An der Rezeption wird wild rumgefragt, ob eine der Mitarbeiterinnen ein Überspielkabel hat. Schließlich ist eins aufgetrieben und eine Mitarbeiterin setzt sich in ihren Pick Up, um neben meinem Auto einzuparken. Gerade habe ich aber einen Mann, der in sein Auto steigt, gefragt und er kommt sofort mit einem Ladebooster an meinen Motorraum. Nach zwei Versuchen springt der Wagen an. Eine tolle Erfindung. Ich nehme mir vor, nach so etwas in Deutschland Ausschau zu halten. Ich bedanke mich bei allen Hilfsbereiten, kratze das Eis von den Scheiben und fahre erst einmal eine Runde zum Wiederaufladen der Batterie. Dann geht es in den Arches National Park und ich genieße die großartige Natur, während Tomm heute Morgen einmal ausschlafen möchte.

Mächtigere Berge im Hintergrund des Arches N.P.

Das Gebiet ist für seine Steinbögen bekannt, bietet aber auch jede Menge andere steinernen Sensationen. Nach einer ausgiebigen Runde geht es zurück ins Hotel, wo ich dann mit Tomm zu einer ausführlicheren Besichtigung und ein paar kleinen Wanderungen erneut aufbreche. Am Abend erholen wir uns im Hot Tub und kommen dabei mit einem älteren Paar aus Texas ins Gespräch. Sie erzählen uns von ein paar anderen Nationalparks, die sie auf ihren zahlreichen Reisen durch die Staaten kennengelernt haben. Die Hot Tubs sind weltweit ein guter Anknüpfungspunkt für Gespräche. Immer wieder wird in ihnen schnell Privates erzählt oder über Tipps für eine schönere Reise philosophiert. Wir nehmen wegen ihrer begeisterten Erzählungen kurzfristig den Canyonlands National Park in unser Programm auf.

Kletterer mit Ausblick

Schon bei den ersten Aussichtspunkten ist klar, dass die beiden gestern Abend nicht umsonst geschwärmt haben. Canyonlands ist ein großer, recht wilder Park. Von zwei Flüssen über Jahrmillionen ins Gestein geschnitten, verläuft er vom oberen Plateau über mehrere Stufen hinab bis zu den aktuellen Flussbetten. Von einem Punkt aus sehen wir den Green River tief eingegraben durch das Tal fließen. Er war namengebend für eines meiner absoluten Lieblingsalben, das einzige, bei dem ich mich genau an den Tag des Kaufs erinnere. Ich war mit Folke, der Tochter eines Deutsch- und Geschichtslehrers unseres Gymnasiums in Rösrath unterwegs und habe mich im Saturn für diese Platte entschieden, weil mich das Cover mit der Band im Grünen stehend ansprach und ich den Song Bad Moon Rising liebte. Es war ein sonniger Tag und wir fuhren zurück nach Rösrath und hörten uns die Platte mehrmals bei Folke zuhause an. Seitdem habe ich das Album wohl hunderte Male gehört und war lange Zeit ein richtiger Fan von Creedence Clearwater Revival. So ist es ein besonderer Moment, in dem sich eine sehr schöne Jugenderinnerung mit herrlicher Landschaft zu etwas Größerem verbindet.

Green River

In einem Interview mit ZZ Top habe ich einmal gelesen, wie sie ihren Sound entwickelten. Es war einfach die Möglichkeit, mit Equipment in die Wüste zu fahren und dann mit weitest aufgedrehten Verstärkern proben zu können. Genau dieses Gefühl von Leere und Weite ist es, was mich hier so ergreift – und Tomm offensichtlich auch. Es gibt unserem Roadtrip genau das Gefühl, von dem eine solche Reise lebt: Ohne Begrenzungen für Auge und Geist durch die Weiten dieser Landschaft zu fahren, am Abend in irgendeinem Motel ankommen und gedankenlos die Zeit verstreichen zu lassen. Frei sein in schönstem Sinne. Jack Kerouac reist bestimmt im Gepäck mit und lächelt uns an...

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Arizona und Kalifornien

Die Navajo Nation besitzt heute ein 71.000 Quadratkilometer großes Gebiet. Nachdem Armee und Staat dem Stamm großes Unrecht angetan haben und die Navajo auf 8.000 Stammesmitglieder zusammengeschmolzen waren, fand nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg erstmals ein Umdenken statt. Die Navajo Nation ist das größte Reservat in den USA und wurde in wesentlich kleinerer Form 1868 überschrieben. Seitdem kamen bis 1934 immer wieder große Gebiete dazu. Heute leben über 400.000 Stammesmitglieder hier und bilden noch vor der Cherokee Nation die größte Stammesgruppe.

Außerhalb der Nationalparks kommt der Alltag heran

Wir fahren in das Reservat hinein Richtung Monument Valley. Meine Gedanken schweifen zum an Krebs verstorbenen Marlboro Mann, dessen Gesicht über meine gesamte Kindheit nicht nur die Reklame verkörpert hat, sondern meine Vorstellung vom Wilden Westen zusammen mit Teilen der fünfundsiebzigbändigen Karl May Büchersammlung meines Großvaters geformt hat. Die ikonischen drei Felsen, frei in der Ebene stehend und der John Ford Punkt, bekannt aus dessen Westernfilmen sind Requisite meines Verständnisses vom Kampf Gut gegen Böse, wobei dummerweise die Cowboys viel zu oft die Guten darstellten... Heute steht hier der Indianer mit Federschmuck für die Touristenfotos bereit, früher war es für mich der Cowboy, rauchend, der über die scheinbar endlose Prärie blickte. Die ersten aufragenden Felsen erreichen wir mit der untergehenden Sonne und sehen gerade noch, wie unfassbar rot sie tatsächlich in den letzten Strahlen leuchten.

Die Morgensonne beendet die eisige Nacht

Als wir morgens sehr früh aufstehen, steht der ganze Himmel in Flammen. Wir sind trotzdem etwas spät dran, werden aber noch mit dem letzten Brennen der Berge und dem nachfolgenden ruhigen Morgenlicht belohnt. Es ist Neujahr, der Park ist heute geschlossen, aber wir können vorfahren und uns die drei Buttes, Ost und West Mitten und Merrick Butte, anschauen. Es ist vier Grad unter null und so kalt, dass uns die Finger nach einigen Minuten einfrieren. Trotzdem genießen wir jede Sekunde, bevor wir uns vor der Weiterfahrt noch eine Stunde in unsere warmen Betten kuscheln.

Das Monument Valley im abendlichen Gegenlicht

Der Horseshoe Bend ist eine enge Flussschleife des Colorado River. Wir erreichen den Parkplatz am späten Vormittag und ich bin erstaunt über die Menschenmenge, die sich Richtung Aussichtspunt bewegt. Aber letztendlich ist es gut erklärbar, ist der Horseshoe Bend doch kein Nationalpark von großer Ausdehnung, sondern ein einzelnes Naturdenkmal, das dazu fast jeder USA Reisende schon einmal auf Bildern bewundert hat. Der Schönheit schaden die Menschen nicht, auch wenn natürlich das Gefühl beim Besuch ein anderes ist, als wenn wir allein oder mit einer Handvoll anderer einen Ort besuchen. Immerhin gibt es keinerlei Andenkenrummel, der Horseshoe Bend behält weitestgehend seine Ehre. Den Nachmittag verbringen Tomm und ich mit einer kleinen Wanderung am Lake Powell Stausee. Die bizarr geformten Felsen in dem großen Gebiet haben wir fast für uns allein und können nach Herzenslaune klettern und gehen. Wir schauen einer indianischen Familie beim Fischen zu. Innerhalb kurzer Zeit ziehen sie zwei große Fische aus dem Wasser, lassen sie aber nach kurzer Zeit wieder frei. Es geht um den Spaß an der Jagd, nicht um die Nahrung. Verstanden habe ich so etwas noch nie. Für die Fische ist es bestimmt kein Spaß in einen Haken zu beißen und nach dem Riesenschrecken mit kaputtem Maul wieder wegzuschwimmen. Aber immerhin dürfen sie weiterleben und enden nicht als abgezogenes Fell über einem Kamin…

Die spektakuläre Schleife Horseshoe Bend

Sehr selten buche ich eine geführte Tour. Den Antelope Canyon können wir aber nur mit einer solchen erleben, da er ansonsten für Fremde gesperrt ist. Wir zahlen hundertachtzig Dollar, um uns etwa vierzig Minuten aufhalten zu dürfen. Vierzehn Leute und der Guide sind unsere Gruppe. Es gibt ein paar wenige Geschichten zur Entstehung, vor allem aber ausdauernde Erklärungen zur richtigen Einstellung der verschiedenen Handys. Alle paar Meter wird für Instagram taugliche Bilder gestoppt und genau erklärt wie das Foto zu schießen ist. Das nervt gehörig, letztendlich ist es aber auch ganz amüsant und tut der wirklich einmaligen Schönheit der von Wasser geschliffenen Sandsteinschlucht keinen Abbruch. Von oben verrät die Schlucht nur eine etwa ein Meter weite Spalte in der Erde. Unten aber offenbart sich der Canyon als eine ganz besondere Naturschönheit mit engen Gängen und sich weitenden Räumen. Schneckenhausgleiche Strukturen der rauen schraubenförmigen Wände und der karge Lichteinfall von oben schaffen eine unbeschreibliche Atmosphäre. Auch wenn draußen am Eingang neunzehn geländegängige Kleinbusse stehen und jeden Tag zwanzig Gruppen hier durchgeschleust werde, sind wir froh diesen Ort erleben zu dürfen. Tomm rechnet aus, dass die Veranstalter und die Navajo Nation etwa neunzig Millionen Euro pro Jahr einnehmen. Der Eintrittspreis beträgt für uns das Doppelte unserer Jahreskarte für alle Nationalparks der USA. Hoffentlich hilft er nicht nur einigen wenigen, sondern der ganzen Gemeinschaft, ein würdiges Leben zu führen.

Upper Antelope Canyon

Grand Canyon, noch ein letzter Mythos auf unserer Reise. Er ist etwa 450 km lang (davon liegen 350 km innerhalb des Nationalparks), zwischen 6 und 30 km breit und bis zu 1800 m tief. Der Colorado River hat sich über Jahrmillionen tief in das Gestein gefressen und so diese einzigartige Landschaft erschaffen. Über 1300m höher als der auf 750m liegende Fluss befindet sich die South Rim, einer von drei Teilen des Grand Canyon Nationalpark. Die anderen beiden sind North Rim, dreihundert Meter höher und im Winter geschlossen und der Inner Canyon. Direkt am Parkeingang spazieren drei Rehe über die Straße. Wir lassen sie rechts stehen und fahren den ersten Aussichtspunkt an. Gewaltig liegt die Schlucht vor uns, zerklüftet, wie von riesigen Händen zerrissen und als grau-rote Masse zurückgelassen. Das Wasser eine solche Urgewalt ist, bleibt für uns winzige kurzlebige Menschen schwer vorstellbar. Über einen Kilometer hat es sich hier durch Felsen gefressen. Am Boden des Canyons fließt ein momentan dürrer Fluss in seinem Bett, kaum sichtbar von hier oben, wo wir ehrfurchtsvoll unseren Blick über sein getanes Werk schweifen lassen.

Erstes Morgenlicht erhellt den Canyon

Es dämmert schon, als wir zu unserer Sonnenaufgangstour losfahren. Trotzdem schaffen wir es noch an die South Rim, bevor die Sonne über dem Horizont erscheint. Die ersten Strahlen erreichen die gegenüberliegenden Wände und tauchen sie in gelbes Licht. Wir schauen dem Schauspiel eine Weile zu, bevor wir uns ein einfaches Frühstück kaufen. Auf dem Weg zum Einstieg in unsere heutige Wanderung sehen wir zuerst einige Rehe und dann noch einen Hirsch am Wegesrand nach Nahrung suchen. Es soll für ein paar Stunden in den Canyon hineingehen. Der Weg geht steil abwärts im Zickzack entlang der Bergflanke des Nebencanyons und dann etwas sanfter zu dessen Öffnung in die Hauptschlucht. Von hier weitet sich der Blick und wir schauen, nun zweihundert Meter tiefer stehend, in die Kraterlandschaft. Wunderbar zu erkennen ist, wie viele Nebenflüsse des Colorado River sich hier von den Seiten kommend ihren eigenen Seitencanyon gegraben haben, um sich letztendlich alle in der Hauptschlucht zu einem Fluss zu vereinen. Wir steigen noch weitere zweihundert Höhenmeter hinab und mehr von der South Rim ins Innere. Die Ausblicke sind atemberaubend und wieder einmal wird mir bewusst, was Zeit bedeutet, welch riesiges Rad sie dreht und wie kurz wir mitfahren dürfen. Umso bedrückender die Rolle, die wir als gesamte Menschheit inzwischen durch unsere schiere Menge im Ablauf des Organismus Erde einnehmen. An einem solchen Ort stehend fühle ich mich als Ameise, ein als Individuum nichtiges Element, in der großen Gruppe aber ungeheures schaffend…oder zerstörend. Der Zwiespalt zwischen den Planeten und seine besonderen Orte liebend und sie durch meine Reisen gleichzeitig zerstörend ist leider nicht befriedigend zu lösen. Die Erde wird uns wahrscheinlich überleben. In welchem Zustand sie dann sein wird und ob sie sich von uns jemals erholen wird, ist die interessante Frage. Wir genießen den Augenblick als Ameise im Canyon trotzdem sehr und begeben uns nach einer gemütlichen Rast mit mehreren Pausen wieder nach oben zur South Rim.

Tomm genießt phantastische Aussichten

Auf dem Weg zurück Richtung Kalifornien halten wir in Seligman, einem knapp fünfhundert Seelen Kaff, das sich durch Engagement besonders eines Bürgers als Touristenstopp auf der legendären Route 66 etabliert hat. Ein Wirrwarr schrottiger Oldtimer gemischt mit aller Art nostalgischem Ramsch lassen die Haupt- und ein paar Nebenstraßen schrullig sympathisch erscheinen. Der Dorfladen ist äußerst spärlich ausgestattet, dafür gibt es ein paar Andenkenläden und ein Motel, das aus der Zeit gefallen wirkt. Ein Haus ist noch mit mehreren Trump/Vance Schildern und einer Army-Flagge reich geschmückt.

Wir spazieren zwanzig Minuten zum Schauen und Entspannen herum, essen ein Ben und Jerry Eis, bevor wir uns auf die weitere Fahrt Richtung Palm Springs machen. Auf dem Weg biegen wir noch in den Joshua Tree National Park ab. An einem Kakteenfeld möchte ich ein Foto schießen. Tomm wandert ein Stückchen hinein und tritt auf einen kleinen Kaktus. Beim Versuch ihn wieder loszuwerden, sticht er sich einen Stachel in die Hand und die ganze Kugel bleibt an seiner Socke hängen. Einzelne Stacheln bohren sich bis zum dicken Zeh durch. Tomm ist sauer, weil er den Stachel nur teilweise entfernt bekommt und es am Zeh, aber vor allem an seinem Finger schmerzt. Der südliche Teil des Parks ist nach unserer Tour durch die spektakulären Parks von Utah und Arizona recht langweilig. Der nördliche Abschnitt mit seine interessanten Felsformationen und den namengebenden Joshua Trees hat aber einiges an Schönheit zu bieten. Wir unternehmen am Split Rock noch einen Spaziergang durch das fast angelegt wirkende Wüstenpanorama mit seiner interessanten Flora, bevor wir durch die herrlich von der tief stehenden Sonne angeleuchteten Joshua Trees weiter Richtung Palm Springs cruisen.

Ein Held aus Tomms Kindheit

Tomm darf heute ein wenig Schlaf nachholen. Für einen Sechzehnjährigen in Weihnachtsferien ist er in den letzten Wochen zu oft früh aufgestanden. So hat sich ein kleines Defizit aufgebaut und dem wird heute Rechnung getragen. Meine persönliche Insomnie lässt mich weiterhin ab fünf höchstens noch ein halbes Stündchen eindösen, so dass ich mich um sieben auf eine kleine Erkundung der Nachbarschaft aufmache. Palm Springs hat ein wesentlich wärmeres Klima als in den hochgelegenen Parks der letzten Woche. So ist es schon am frühen Morgen angenehm warm und ich lasse die Sonne in meinen Körper fließen. Die Stadt ist wohlhabend, zieht jeden Winter eine Menge Snowbirds und einige Touristen an. Schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts war hier ein Rückzugsort der Schönen und Reichen des nahe liegenden Los Angeles. So hatten Marilyn Monroe und Frank Sinatra unter einigen anderen ihre Zweitwohnsitze. Als Erbe dieser Zeit darf sich Palm Springs heute Hauptstadt des Desert Modernism nennen. Etwa fünfhundert Häuser bekannter Architekten wie Albert Frey, William Cody oder Donald Wexler, später Fran Lloyd Wright und sein Schüler John Lautner sind bis heute erhalten und bilden den Grundstock, auf denen die Stadt aufbaut. Einige ihrer Gebäude sind sehr gut erhalten, andere bröckeln noch immer vor sich hin. Viele der später hinzugekommenen sind im Geiste der Moderne gebaut. Ergänzt wird diese Basis durch tausende Palmen, breite Straßen und dreihundert Sonnentage im Jahr. Die Bevölkerung wirkt homogen Weiß.

Yoshua Tree im Abendlicht

Einige Jogger mittleren Alters ziehen schon ihre Runden, frühe Kaffeetrinker besetzen erste Tische in Bars und Restaurants. Nach einem längeren Gang lass ich mich an der Bar des Cheeky´s nieder und genieße zu meinem Morgenkaffee ein leckeres Avocado-Sandwich. Es ist Sonntag, schon jetzt um halb neun sind alle Tische belegt. Die Bedienung ist überaufmerksam. Jede drei Minuten werde ich von der einen oder anderen nach meinem Befinden gefragt. Trotzdem ist es ein angenehmer Laden mit leckerem Sortiment. Selbst Michelin findet lobende Worte. Zufrieden mache ich mich Richtung Hotel auf, stöbere Tomm beim digitalen juncken und verabrede mich mit ihm im Jacuzzi. Wir zappen nach längerem whirlpoolen zwischen kalten und warmen Pool hin und her bevor wir uns mit einer heruntergeladenen App auf Architekturreise begeben. Zugegebenermaßen sind die Erklärungen der App interessant, aber die Häuser entweder wegen gesperrter Privatstraßen nicht zugänglich oder zu oft in keinem gepflegten Zustand.

Mid Century Wohnanlage Royal Hawaiian Estates

Neben einem schön erhaltenen Wohnkomplex, den Royal Hawaiian Estates, treffen wir Steve, der gerade seine 68er Mercedes S-Klasse aufpoliert. Ich spreche ihn wegen des Darmstädter Nummernschilds an. Er fahre seine deutschen Oldtimer immer mit deutschem Schild – zumindest vorne. Hinten muss er ein kalifornisches anbringen. Auch vorne sei das deutsche nicht gesetzeskonform, aber die Polizei drücke da bei einem Oldtimer ein Auge zu. Seinen ersten Mercedes hat er sich mit dem Waschen von Autos an einer Tankstelle verdient. Alles eingenommene Geld wurde von seinem Vater verdoppelt, so dass er schon mit achtzehn Jahren ein altes Mercedes Coupé sein Eigen nennen durfte. Seitdem waren es achtzehn Porsche und über fünfundzwanzig Mercedes. Er ist Automechaniker, repariert alles selbst und lässt es sich nicht nehmen uns den sonoren Motorsound vorzuführen, bevor er seine Freundin mit dem Wagen abholen fährt. Wir beschließen noch eine kleine Siesta einzulegen, denn heute Abend wollen wir noch ins Kino fahren. Es läuft gerade das 36th Palm Spring Film Festival, eines der größten und wichtigsten in den USA. Wir haben uns für den spanischen Oskar-Vorschlag Saturn Return Tickets besorgt, die Hommage an eine Rockband und all die damit einhergehenden Probleme. Mit einer dicken Tüte Popcorn bewaffnet lassen wir uns in die riesigen Sessel mit per Knopf steuerbaren Liegeposition nieder und tauchen in das Granada der Neunziger Jahre ein. Am Schluss geben wir noch unsere Bewertungen für den Publikumspreis ab und fahren glücklich ins Bett.

Typische Bungalowform in Palm Springs

Nach meiner morgendlichen Spazierrunde und einem ausgiebigen Stopp im Jacuzzi mit Wechselbädern im geheizten und ungeheizten Pool sind Tomm und ich bereit für ein weiteres Frühstück im Cheeky´s. Bevor wir Richtung San Diego fahren, schauen wir noch in eine der über die Stadt verteilten Lagerhallen und begutachten die Auswahl an gebrauchten Gütern. Es gibt ein paar schöne Dinge, die Preise sind aber deutlich überteuert und Platz im Gepäck hätten wir sowieso keinen. Nach zwei Stunden kommen wir im nördlich der Innenstadt von San Diego liegenden La Jolla an und checken erst einmal ein. Später picknicken wir am Meer und besuchen die von mir schon einmal fotografierte Seehund- und Seelöwenkolonie. Tomm hat genauso viel Spaß an der Beobachtung wie ich beim ersten Mal. Als Sahnehäubchen tauchen auch noch vier Delphine immer wieder auf und gleiten durch die Bucht. Die blau-schwarzen Pinselscharben (Brandt´s Cormorant) brüten inzwischen auf den Felsen ihre Eier aus und ich nehme mir vor, wenn morgen früh das Licht sie besser beleuchtet, noch einmal wiederzukommen. Nach dem Abendessen fahre ich Tomm noch zu einem schönen Aussichtspunkt hoch oben über der Stadt. Millionen Lichter leuchten in der Stadt und ein paar Sterne sind trotzdem noch am Himmel zu sehen. Tomm und ich haben eine sehr schöne Reise zusammen verbracht. Nicht nur wegen der sensationellen Natur, sondern auch wegen der Nähe, die nach seinen Monaten in Kanada wunderschön erneuert wurde. Es ist etwas sehr besonderes, die Zuneigung des eigenen Kindes zu spüren und neben der genetischen Verwandtschaft auch die seelische und geistige stark wahrzunehmen. Wir haben uns oft gut unterhalten, aber genauso auch ruhig nebeneinander gesessen und das hier und jetzt gemeinsam genossen. Jetzt möchte ich nur noch den geplanten Roadtrip mit Eddy nachholen und hoffe, dass er auch so schön wird wie dieser.

Pinselscharbenpaar: Das Weibchen rechts würgt zwei Fische noch einmal hoch

Pinselscharben sind hervorragende Fischer und tauchen auf ihren Raubzügen bis zu sechzig Meter tief in die kalten Gewässer. Ihre Nester, oft mehrjährig genutzt, liegen auf Felsvorsprüngen und verströmen eine starke Note. Neben Gras, Algen und kleinen Stöcken werden sie auch mit dem eigenen Kot verfestigt. Vor La Jolla liegen zwei riesige und weitestgehend intakte Kelpwälder. Sie bieten den Lebensraum, in dem die Seevögel reichlich Nahrung finden. Nach unserem Frühstück beobachte ich wie ein im Nest sitzendes Weibchen zwei noch weitestgehend intakte Fische wieder hochwürgt und abermals verschluckt. Appetit anregend ist das nicht. Ein paar letzte Aufnahmen und dann beginnt unsere Rückreise. Tomm wird immer aufgeregter, freut sich auf seine Mutter und die Freunde. Fünf Monate sind eine lange Zeit im Leben eines Teenagers und ab jetzt bricht der letzte Tag vor der Bescherung an…

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USA: West-Südwest